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Radiant Photo – das neue Allheilmittel für die RAW-Entwicklung?

Elia Locardi ist einigen Foto-Enthusiasten wahrscheinlich ein Begriff, viele kennen ihn wahrscheinlich durch seine Travel-Fotografie. Vor ein paar Tagen veröffentlichte er einen Blogbeitrag, in dem er eine neue Software vorstellte, an der er mitgearbeitet hat: Radiant Photo. Da seitdem gefühlt jedes Foto-Blog über dieses Tool berichtet hat, musste ich mir die Testversion installieren und schauen, was Radiant Photo kann.

Radiant Photo kommt als Standalone-Version sowie als Plugin für Photoshop und Lightroom Classic. Die Einrichtung als Plugin für Lightroom funktionierte bei mir aus unerfindlichen Gründen nicht automatisch, hier musste ich selbst Hand anlegen. Die Oberfläche ist bei allen Versionen identisch, ich konnte zumindest keinen Unterschied erkennen.

Ich habe mal ein paar Bilder, die ich zu Testzwecken hin und wieder mal bei Shootings aufnehme, in Radiant Photo bearbeitet (bearbeiten lassen). Dazu habe ich die Raw-Dateien in Lightroom via “Bearbeiten in” in Radiant Photo geöffnet und das startete so, wie oben auf dem Bild zu erkennen ist. Ich habe an den Einstellungen nichts geändert, lediglich auf “Erweiterter Modus” umgestellt. Eine deutliche Verbesserung des Bilds, wie ich finde. Ohne weitere Anpassungen vorzunehmen, habe ich das Bild einfach gespeichert und bin wieder in Lightroom gelandet. Dort zeigt sich mir nun folgendes Bild:

Deutlich erkennbar sind die dunklen Bereiche abgesoffen (im Original-RAW komplett ohne Bearbeitung nicht). Leider hatte ich in Radiant Photo zunächst keinen Hinweis darauf gesehen, hätte allerdings auch nicht damit gerechnet, mit den Grundeinstellungen so ein Ergebnis zu erzielen. Etwas später fiel mir dann der Histogramm-Button auf, nachdem ich auf den Erweiterten Modus umgestellt hatte. Nach dem Aktivieren des Histogramms konnte ich auch erkennen, dass hier ein paar Dinge zu viel des Guten sind. Über den Schwarzpunkt-Regler hatte ich versucht Abhilfe zu schaffen, das gelang aber nicht vollständig.

Aber gut, ich wollte ja auch mal ein Porträt testen. Auch hier wieder ein Foto, das ich zur Abstimmung vor dem eigentlichen Shooting aufgenommen habe.

Auch hier zunächst eine deutliche Verbesserung des Bilds. Was aber auffällt: In den unscharfen Bereichen (Haare bspw.) lässt die Darstellung sehr zu wünschen übrig. Zunächst war ich etwas erschrocken, da hier plötzlich jede Menge Details zu fehlen scheinen – glücklicherweise war das jedoch nicht der Fall, nach dem Speichern waren die Details wieder (bzw. noch) da.

Radiant Photo hat korrekt erkannt, dass hier eine Person auf dem Foto zu sehen ist und hat dementsprechend automatisch das Preset “Menschen” aktiviert. Über den zugehörigen Button auf der rechten Seite konnte ich nun den Bearbeitungsmodus für Haut etc. öffnen und habe mal ein wenig experimentiert. Das Betonen der Augen funktioniert recht gut, hier werden gezielt die Augen nachgeschärft. “Augen vergrößern” bezieht sich lediglich auf die Iris und war entweder nicht erkennbar oder deutlich too much…

Am meisten interessierte mich aber, wie gut Radiant Photo mit Hautunreinheiten umgehen kann und wie gut überhaupt die Hautbearbeitung funktioniert. Das folgende Bild zeigt das Ergebnis, wenn “Unreinheiten entfernen” auf Maximum gestellt wird.

Ganz ok, aber vor allem die weniger auffälligen Unreinheiten sind nach wie vor zu erkennen. Darüber hinaus ist die Haut schon sichtbar glattgebügelt und hat kaum noch Struktur. Das ist zwar völlig anders, wenn man hier deutlich herunterregelt, allerdings sind dann nahezu alle Unreinheiten noch vorhanden. Ich habe festgestellt, dass ab einem Wert von ca. 40 die Haut schon zu sehr weichgezeichnet wird. Und das, ohne dass ich “Haut glätten” aktiviert habe. Was passiert, wenn ich den Schalter aktiviere, könnt ihr im folgenden Bild sehen.

Ich habe nichts nachgeregelt, aber die Struktur ist bereits bei so einer niedrigen Einstellung fast verschwunden. In meinen Augen so leider unbrauchbar. Ganz schick ist noch die Möglichkeit, unter Make-up den Hautton anzupassen, das ist meines Erachtens ganz gut gelöst. Ob es den Rouge-Regler braucht, sei dahingestellt.

Ich habe noch einige Dinge und Fotos mehr getestet, aber das soll für den Beitrag erst einmal genügen. Nach all den begeisterten Beiträgen, die ich in den letzten Tage gelesen habe, fand ich die Ergebnisse aber insgesamt eher ernüchternd, ich hatte mir etwas mehr erhofft. Der Ansatz ist sicher gut, aber aktuell ist das kein Programm, das ich regelmäßig nutzen möchte. Vielfach entsprachen die Ergebnisse dem, was ich auch in Lightroom mit dem Auto-Button erreichen kann (und den verwende ich ohnehin schon so gut wie nie).

Den Ansatz der Software verstehe ich durchaus. Aber entweder funktionieren diverse Dinge noch nicht so richtig, oder aber ich komme mit der indirekten Bearbeitung nicht zurecht. Vielfach justierte ich vorsichtig einen Regler und konnte kaum eine Änderung erkennen, ging ich einen Schritt weiter, kippte das Ergebnis plötzlich komplett. Darüber hinaus erschweren die Darstellungsprobleme die Beurteilung des Ergebnisses ungemein. Sobald ein wenig Tiefenunschärfe ins Spiel kommt, wird die Darstellung zum Teil unterirdisch. Und das bessert sich auch nicht, wenn man in den entsprechenden Bereich hinein zoomt.

Ich möchte Radiant Photo auch nicht komplett schlecht reden. Wie gesagt, der Ansatz ist nicht verkehrt, die Ergebnisse sehen auf den ersten Blick ja auch erst einmal toll aus. Für mich sehe ich aber keinen Nutzen darin, mit diesem Programm zu arbeiten. Möglicherweise sehen andere das komplett anders. Ihr könnt Euch aber selbst ein Bild machen, indem Ihr die kostenlose Testversion ausprobiert. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir Eure Meinung dazu mitteilt, nachdem Ihr Radiant Photo getestet habt. Vielleicht liege ich ja auch völlig daneben.

Update 08.01.2023: Es gibt inzwischen einen weiteren Artikel von mir zu Radiant Photo, in dem ich einige Dinge nun etwas anders betrachte.

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Mirko

Hallo, ich bin Mirko und blogge (mit Unterbrechungen) seit 2004. Ich bin seit 30 Jahren in der IT tätig, kreativer Kopf und Freizeitfotograf mit langjähriger Erfahrung auch im Bereich Design und Bildbearbeitung.

Ich fotografiere aktuell mit meiner Nikon D750, bevorzugt Menschen. Meine erste DSLR war eine Nikon D70, die später durch eine Nikon D300 ersetzt wurde. Bearbeitet werden meine Aufnahmen in der Regel in Adobe Lightroom Classic und Adobe Photoshop. Einfach, weil ich gefühlt schon immer damit arbeite.

Hier möchte ich sowohl meine Fundstücke aus dem Web, als auch meine Erfahrungen oder auch Experimente teilen. Wenn ich über Produkte berichte, dann schreibe ich immer und in jedem Fall meine persönliche Meinung. Es ist nicht möglich, hier positive Beiträge oder Empfehlungen zu kaufen. Auch hier vorgestellte Produkte sind, sofern im Beitrag nicht anders gekennzeichnet, aus eigener Tasche bezahlt und nicht gesponsert.

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