Jeder Fotograf hat einen mehr oder weniger festen Workflow, wenn es um die Bearbeitung seiner Aufnahmen geht. In meinem Fall werden in der Regel die Bilder zunächst in Lightroom gesichtet und vorausgewählt, unbrauchbare Aufnahmen werden hier direkt gelöscht. Anschließend beginne ich meist mit den ersten Anpassungen in Lightroom, häufig geht es dann in Photoshop weiter. Gelegentlich beginne ich nach der Sichtung auch direkt in Photoshop. Da bin ich ziemlich eingefahren und es ist schon eine hohe Hürde zu überwinden, um hier etwas Neues zu etablieren.
Nachdem ich die Ankündigung für DxO PureRaw gelesen habe war ich verständlicherweise ziemlich skeptisch. Die Möglichkeiten klangen zu fantastisch, als dass ich sie für glaubwürdig empfinden konnte. Bessere RAW-Dateien, das auch noch ohne großen Aufwand – man hat im Laufe der Jahre solche Aussagen zu oft gelesen. Wenn dann noch Schlagworte wie “neuronale Netze” und “Deep Learning” ins Spiel kommen, dann kratzt der Skepsis-Level am Maximum. Alle wichtigen Probleme will es lösen: Demosaicing, Rauschminderung, Moiré, Verzeichnung, chromatische Aberration, unerwünschte Vignettierung und Bildunschärfe. Phew… ok. Ich bin ehrlich: Stünde keine Testversion zur Verfügung, dann wäre für mich an diesem Punkt zunächst Schluss gewesen. Vielleicht später mal ein paar Reviews lesen…
Es gibt allerdings eine Testversion und diese kann 30 Tage lang ohne jegliche Einschränkung genutzt werden. Deshalb meine Empfehlung vorab: Testet DxO PureRaw, macht Euch ein eigenes Bild.
Der Test
Wenn ich ein paar neue Tools ausprobiere, dann habe ich oft ein spezielles Bild parat. Aufgenommen von meiner Lebensgefährtin mit Ihrer Nikon D3300. Es hat viele Details, etwas komplexere Lichtbedingungen (Kunstlicht + natürliches Licht, chromatische Aberrationen und “schönes” Bildrauschen. Darüber hinaus teste ich mit diversen Bildern aus meinem eigenen Portfolio, die als Originale auf dem NAS liegen.

Nach dem Start präsentiert sich PureRaw recht unspektakulär. Keine Knöpfe zum Bearbeiten, keine Regler, nix. Woran soll ich herum regeln können, wie soll ich hier meine Lieblingseinstellungen vornehmen? Na, kommt vielleicht noch. Erst einmal eine Raw-Datei laden, da gibt es dann sicher mehr.
Die Datei wird im Browser angezeigt, also Doppelklick und ich sehe die Datei. Aber weiterhin keine Regler oder Knöpfe. Ich will doch an den Einstellungen drehen. Allerdings kann man an dieser Stelle schon mal sehr gut sehen, wie verrauscht das Bild doch tatsächlich ist, auch die Farbsäume sind deutlich erkennbar. (Wichtiger Hinweis: Da die Screenshots fürs Web und schnelle Ladezeiten optimiert wurden, sind unter Umständen auch Artefakte in den Ergebnissen sichtbar, die nicht wirklich vorhanden sind)

Raus aus der Ansicht – ach, da gibt es ja den Knopf für “Bilder entwickeln” – das wird es sein. Aber – wieder keine Regler und Knöpfe, stattdessen der folgende Screen:

OK, jetzt habe ich mich genug über fehlende Regler “aufgeregt”, an dieser Stelle werden die Einstellungen vorgenommen. Und es gibt tatsächlich nichts einzustellen, abgesehen von der Methode, dem Ausgabeformat und dem Zielordner. Ein simpler Klick auf Entwickeln genügt, die veranschlagte Zeit in diesem Fall beträgt ca. 2 Minuten.
Die Ergebnisse
Sofern PureRaw hier zum ersten Mal eine Kamera-Objektiv-Kombination erkennt, bietet uns das Programm im folgenden Screen zunächst an, die erforderlichen Daten herunterzuladen und zu speichern. Das muss man lediglich bestätigen und dann beginnt auch schon der eigentliche Entwicklungsprozess. Die veranschlagte Verarbeitungszeit wurde bei diesem Testbild unterschritten, effektiv waren es 1:40 Minuten. Sobald die Verarbeitung abgeschlossen ist (die neu erzeugte RAW-Datei wurde bereits im Zielordner gespeichert), können wir auswählen, mit welchem Programm wir die Datei weiter bearbeiten wollen.

Hier habe ich abgebrochen, weil ich zunächst einfach nur die Ergebnisse betrachten wollte.
Ich bin ehrlich: Ich bin nicht leicht zu beeindrucken. Gelegentlich wird mir gar zum Vorwurf gemacht, dass ich doch manchmal ein Stück weit zu kritisch bin. In dieser Aussage ist sicher ein Fünkchen Wahrheit enthalten, doch in diesem Fall war ich wirklich geflasht. Mein leicht ungläubiges “Wow!” war nicht zu überhören. Aber seht selbst, im folgenden Screenshot liegen Original und neue RAW direkt nebeneinander, die Zoomstufe beträgt 300%, damit die Details erkennbar werden.

Der Versatz zwischen beiden Bildern kommt zustande, weil PureRaw unter anderem auch die geometrischen Verzeichnungen des Objektivs korrigiert. Aber achtet mal auf das Bildrauschen auf der goldenen Kugel. Oder die Lichterkette. Oder auch die Verstrebungen im Dach.
Hier noch ein anderer Bildausschnitt aus dieser Aufnahme.

Hier ist noch einmal deutlich zu erkennen, wie gut das Bildrauschen beseitigt wird. Auch die Farbsäume an der schwarzen Verzierung sind verschwunden (wenn auch ein leichtes Halo erkennbar wird oder übrig bleibt). Sehr schön kann man auch im folgenden Screenshot an der Lampe erkennen, wie gut Farbsäume entfernt werden.

Zugegeben: Die Aufnahme ist weit weg von optimal. Aber genau das macht sie für mich immer wieder zu einem willkommenen Testobjekt. Mit optimal aufgenommenen Bildern kann jedes Programm umgehen und es ist nicht schwer, daraus etwas Ansehnliches zu machen. Ich hätte aber bislang nie darüber nachgedacht, sie ernsthaft zu bearbeiten und zu schauen, was man daraus machen kann. Nach der Verarbeitung in DxO PureRaw wird das aber plötzlich tatsächlich zumindest eine theoretische Option.
Mein Fazit
Ja, ich bin beeindruckt. Ich denke, das konnte man aus meinen Zeilen herauslesen. Die Ergebnisse, die komplett ohne mein Zutun vollautomatisch aus den RAW-Dateien herausgeholt werden, können sich wirklich sehen lassen. Ich habe natürlich auch noch mit anderen Aufnahmen getestet und konnte bislang nichts entdecken, was einem zukünftigen Einsatz widersprechen würde. Ganz im Gegenteil sehe ich in DxO PureRaw eine hervorragende Ergänzung meines Workflows.
Natürlich kann man mit anderen Mitteln sicher ähnliche Ergebnisse erreichen. Meine ironische Suche nach Reglern und Knöpfen im Beitrag zielte aber exakt in diese Richtung: Ich muss nichts einstellen und nicht experimentieren und erhalte trotzdem sehr gute Ergebnisse. Mancher mag das anders sehen und spielt lieber selbst an den Reglern, um für sich das optimale Ergebnis zu erzielen – für mich ist das ein Zeitfresser. Und hier spare ich wirklich massiv Zeit. Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, nach einer ersten Vorauswahl meine RAW-Dateien vor der eigentlichen Entwicklung zunächst DxO PureRaw zu überlassen. Auch wenn die Dateien als DNG ca. 3-4 mal mehr Platz auf der Festplatte beanspruchen.
Ich werde noch weiter testen, die Testversion ist noch eine Weile nutzbar und eventuell werden am Wochenende einige frische Huskie-Fotos hindurch gejagt. Aber dennoch ist der Kauf-Reflex in mir ungewöhnlich stark, normalerweise habe ich mich da ziemlich gut im Griff. Das liegt nicht allein an dem Einführungsangebot von 89,99€ (statt später 129,-€), sondern vor allem an den Resultaten. Euch kann ich empfehlen: Testet das Programm und macht Euch selbst ein Bild. Und wenn Ihr etwas findet, was gegen den Einsatz spricht, dann lasst es mich in den Kommentaren wissen.
[…] DxO PureRAW hatte ich vor ca. einem Jahr bereits etwas geschrieben, zu diesem Zeitpunkt war noch nicht ganz klar, ob ich mir die Vollversion kaufen werde oder nicht. […]